Noch viel zu tun – Gedanken zur aktuellen Ausgabe von MERIAN Frankfurt

Die_Muenchener_Strasse_Maurer_1Der Bahnhofsviertel-Artikel im MERIAN Frankfurt Heft von April 2016 verblüfft nicht: er ist eine positive Werbung für den internationalsten Stadtteil Frankfurts und wendet sich vor allem an Auswärtige, die Geschmack an der Vielfalt eines früher gescholtenen und verrufenen Quartiers finden sollen.  Ein Schwerpunkt ist der Gastronomie und den neuen Szenekneipen gewidmet,  die ihr Publikum aus der Stadt und dem Umland nicht suchen müssen. Der Einheimische wird sich fragen, was hat das mit mir zu tun?

Es ist alles so fern den Problemen, denen sich zum Beispiel die Werkstatt Bahnhofsviertel widmet.

Es zeigt sich eine Distanz zur sozialen Struktur des Stadtteils; der Normal-Bürger – egal, ob mit in- oder ausländischen Wurzeln – taucht im Merian-Beitrag nicht auf. Obwohl auch in diesem Artikel die Drogengeschäfte und die Kleinkriminalität vielfach lauern, weiß der “Ureinwohner” sich instinktiv geschützt zu verhalten, darum auch die gegenseitige Toleranz und Vorsicht untereinander – Unruhe und Zoff werden doch eh nur von Auswärtigen in das Bahnhofsviertel getragen.

Unterschiedlich die Strukturen der Hauptachsen – Münchener Straße: Wohnstraße mit überwältigenden Angebot des Einzelhandels, der Dienstleistungen und der gastronomischen Vielfalt; Kaiserstraße: Hauptverkehrsstraße und “Boulevard des Viertels” gleichermaßen aber keine Durchgangsstraße, da der “Kaisersack” eine beabsichtigte Sperre für den Kfz-Verkehr bildet und deshalb der Wochenmarkt dienstags sich dort etablieren konnte.

Die Taunusstraße lässt sich übersichtlich in drei Abschnitte einteilen: Die untere Taunusstraße  (bis zur Weserstraße) ist keine lebendige Zone, da hier die Büronutzung dominiert, der mittlere Abschnitt schneidet scharf das Rotlichtmilieu (Toleranzzone bis zur Moselstraße) mit breiten Spielhallenfronten gesäumt und das obere Drittel zeichnet sich durch die Drogenszene zum Teil hart bedrängten Fachgeschäfte wie Cream-Music und GM-Foto aus.

Mancher Neubürger, die überdurchschnittlich Einkünfte beziehen, mokieren sich über das Elend und die damit auch verbundene Aggressivität der Drogenszene; Rückzug in die eigenen vier Wände („My home is my castle“ganz wörtlich).  Andere loben die relativ niedrigen Mieten in großflächigen Wohnungen, die auch für WGs gut geeignet sind.  Das damit verbundene manchmal schwierige Umfeld muss in Kauf genommen werden. Es sind eben die unterschiedlichen Lebensentwürfe und Lebenseinstellungen, die nicht nur einseitige Toleranz fordern. Andererseits: Man möchte trotzdem nicht für den Rest seines Lebens hier wohnen. Die Bevölkerung des Bahnhofsviertels tauscht sich statistisch alle zehn Jahre aus. Lärmbelästigungen auf der Straße – besonders in den Sommermonaten – nerven die Nachbarn; das Ordnungsamt reagiert manchmal übertrieben hart mit Genehmigungen der Sperrstunden und ist andererseits einige Meter weiter großzügiger – die Beschwerde des einzelnen Bürgers oder der Bürgerin kann auch eine nicht angemessene Wirkung erzielen. So bleibt das Frankfurter Bahnhofsviertel eine Schule für alle Welt und Schüler sind wir alle, auch die Menschen, die hier leben und arbeiten.

Epilog: Eine Begegnung mit zwei sehr jungen Frauen im letzten Sommer, die wohl aus der näheren Umgebung stammten und mich nach ihrer Shopping-Tour nach dem Weg zum Hauptbahnhof fragten: Ich empfahl die Kaiserstraße in direkter Ost-West-Richtung, worauf die beiden erwiderten  “Die ist uns zu unsicher!”

Was erzählt man außerhalb von Frankfurt über das Bahnhofsviertel?

Ergo: Es gibt noch viel zu tun, um dem Rest der Welt über unseren vielfältigen Stadtteil aufzuklären.

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